Geschichte

60 Jahre FICE Schweiz

(Fédération Internationale des Communautés d’ Enfants heute: Fédération Internationale des Communautés Educatives)

Die FICE Schweiz feiert 2011 ihr 60 jähriges Bestehen. Im April 1951 wurde mit der Festlegung der Statuten für die SCHWEIZERISCHE VEREINIGUNG FÜR KINDERDÖRFER UND JUGENDSIEDLUNGEN der Grundstein für von der Schweiz ausgehende Aktivitäten zugunsten benachteiligter Kinder im ausserfamiliärem Bereich gelegt.

Die Gründungsgeschichte der FICE

Das Fehlen völkerrechtlicher Normen zum Schutze der Zivilbevölkerung wirkte sich während dem Zweiten Weltkrieg schwerwiegend auf die Jugend in den kriegsführenden Ländern aus: Die in der Kinder- und Jugendfürsorge tätigen Personen erkannten in der Beurteilung der Kriegsfolgen für die Jugend eine eigentliche Klientengruppe, die kriegsgeschädigten Kinder.

Die Art der Schädigungen liess sich in drei Bereiche unterteilen: die physischen, psychosozialen und die ideologischen Auswirkungen des Krieges. Ein Aspekt, der die Psyche und das soziale Verhalten beeinflusste, war die Zerstörung des sozialen Netzes, vor allem die Auflösung der Familie. Durch Deportation, Evakuierungsmassnahmen sowie durch die Begleitumstände des Krieges geschah eine eigentliche Familiedissoziation: Erziehungsschwierige, verwahrloste und delinquente Kinder und Jugendliche waren die Folge davon. Ideologische Auswirkungen des Krieges manifestierten sich in einer Verunsicherung und allgemeinen Auflösung von Normen und Werten.

Nach Eintreten des Waffenstillstandes regte sich der Wunsch, der kriegsgeschädigten Jugend Erleichterung zu verschaffen. Parallel zur materiellen Hilfe machte sich eine neue Form von Hilfstätigkeit breit: die Gründung von sozialpädagogischen Einrichtungen für krieggeschädigte Kinder. Sie entstanden unabhängig voneinander in der Schweiz, Polen, Ungarn, Italien, Frankreich und Deutschland. Meist waren es Kindergemeinschaften mit der Bezeichnung Kinderdorf, Kinderstadt, Kinderrepublik, Kinderhaus und Jugendsiedlung. Die Initiative zu dessen Gründungen ergriffen Pädagogen in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen. Ein zentraler Gedanke war dabei allen gemeinsam: die Erziehung von kriegsgeschädigten Kindern verlangte die Auseinandersetzung mit und die Anwendung neuer pädagogischer Überlegungen.

Im Zuge der materiellen Nachkriegshilfe erhielten die Kindergemeinschaften Unterstützung von verschiedenen Hilfsorganisationen. Nachdem die neuen sozialpädagogischen Einrichtungen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatten – allen voran das Kinderdorf Pestalozzi in Trogen – bahnte sich im Rahmen der geistigkulturellen Hilfe ein internationales Interesse an den Kindergemeinschaften an. Als erste setzte sich die alliierte Erziehungsministerkonferenz (CAME) in London mit dem pädagogischen Experiment auseinander. Die Kommission zur Untersuchung von Erziehungsproblemen in den befreiten Ländern beurteilte die Kindergemeinschaften als wertvolle Arbeit für die Resozialisation kriegsgeschädigter Kinder. Da die UNESCO die von der CAME geleistete Arbeit zum Teil übernahm, blieb das Interesse an den Kindergemeinschafen in der Programmpolitik verankert. Ein weiteres Gremium, welches sich mit den Kindergemeinschaften auseinandersetzte, waren die von schweizerischen Persönlichkeiten gegründeten internationalen Studienwochen für das kriegsgeschädigte Kind. In zwei Konferenzen boten sie ein Forum, über die sozialpädagogischen Einrichtungen zu diskutieren und ihr Ansehen international zu verbreiten.

Das allgemeine Interesse mit internationaler Breitenwirkung veranlasste die UNESCO zu weiterem Handeln. Sie leitete die Konstituierung der internationalen Föderation der Kindergemeinschaften ein. Da die Kinderdörfer einen organisatorischen Zusammenschluss wünschten und die UNESCO diesen auch schon geplant hatte, fand die Gründung der ‚Fédération Internationale des Communautés d’Enfants’ (FICE) statt. Zum einen beabsichtigte man den fachlichen Austausch, zum anderen erhoffte man sich eine Beeinflussung der traditionellen ausserfamiliären Erziehung durch neue Ideen, die an die pädagogische Ära der Vorkriegszeit anknüpfte. Die UNESCO setzte der Problemformel FICE = neue Erziehung – was eine Fortsetzung der reformpädagogischen Ideen bedeutete hätte – ein Ende. Indem sie der Organisation den Konsultativstatus zuerkannte, legte sie gleichzeitig die Zielsetzung fest: eine Organisation für Heimerziehung und heiminterne Familienorientierung.

Die FICE und die Schweiz

Die Entstehung der FICE ist eng mit der Gründung des Kinderdorfes Pestalozzi in Trogen verbunden, namentlich waren es Persönlichkeiten aus dessen Vorstand, wie Adolphe Férriere oder Elisabeth Rotten, welche zur Föderation von Kindergemeinschaften anregten. Bernard Drzewieski, damals Leiter der Wiederaufbauabteilung der UNESCO, besuchte 1947 das Kinderdorf in Trogen und liess sich von den Möglichkeiten, die in diesem Werk lagen, überzeugen. So kam es dazu, dass am 5. Juli 1948 von ihm eine Konferenz der Kinderdorfleiter nach Trogen berufen wurde, welche die Gründung der FICE beschloss.

Wunsch und Traum der Kinderdorfgründer, wie Walter Robert Corti und Marie Meierhofer, war es immer, mit Hilfe der FICE Kinderdörfer in aller Welt entstehen zu lassen und sie zu vereinigen. Ein neues, geistiges Zentrum der Völkerverständigung und des Friedens hätte seinen Nabel in Trogen gehabt. Doch die Entwicklung der FICE ging andere Wege, wie die Gründer des Kinderdorfes in Trogen nicht ohne Bitterkeit einsehen mussten. Die junge Organisation hatte in den ersten Jahren mit inhaltlichen und finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen und musste sich auf die Durchführung von Konferenzen und internationalen Jugendlagern beschränken.

Mit der Überarbeitung der Statuten der FICE Schweiz im November 2000 wurden wichtige inhaltliche Entwicklungen und vor allem Zweckänderungen neu festgelegt. Die FICE hat sich inzwischen zu einem internationalen Forum von Praktikerinnen und Praktikern und Forschenden für den Erfahrungsaustausch im Bereich der erzieherischen Hilfen innerhalb und ausserhalb der Familien entwickelt. Die FICE kümmert sich – über die Grenzen hinweg – um alle Aspekte der erzieherischen Hilfen.

Die FICE setzt sich ein für die Rechte des Kindes. Ihr Interesse gilt vor allem Familien in Problemsituationen und besonders jenen Kindern, die nicht mit ihren Eltern zusammenleben können oder durch ausserordentliche Lebensumstände wie Kriegsereignisse und Naturkatastrophen aus ihrem Beziehungsnetz herausgerissen werden und deshalb einen besonderen Schutz benötigen.

Wichtige aktuelle Arbeitsschwerpunkte der FICE Schweiz sind:
 Mitarbeit bei der Entwicklung von europäisch allgemein verbindlichen Standards in der ausserfamiliären Erziehung (www.quality4children.ch)
 Vermitteln von internationalen Kontakten und Austauschprogrammen für Fachkräfte im sozialpädagogischen Bereich
 Fördern von Partnerschaften zwischen Heimen/Organisationen in verschiedenen Ländern
 Unterstützung vor allem von südost-europäischen Ländern durch die Mitarbeit
bei der fachlichen Weiterbildung und Weiterentwicklung der Angebote in der ausserfamiliären Erziehung

60 Jahre FICE Schweiz (PDF)